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Römer

IMPERIUM IN DER KRISE

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Griff in die Wunde

Von Frank Thadeusz

Der Grieche Galen war unter den Ärzten der Kaiserzeit der Star. Allerdings half der Gelehrte bei seinen Erfolgen mit manch rabiatem Trick nach.

Es herrscht Untergangsstimmung in Rom im Jahre 166 nach Christus. Die Legionäre des Kaisers Lucius Verus haben die Pocken in die Metropole eingeschleppt. Mit Pusteln übersäte Sieche, gepeinigt von Fieber und Durchfall, wanken durch die Straßen der ins Chaos gefallenen Stadt. Ein Drittel der Bevölkerung rafft die Plage dahin.

Panik breitet sich aus. Ist kein Arzt an Bord? Doch, und nach seiner eigenen Einschätzung gar der beste von allen: Galenos aus Pergamon ist ein Großmaul, der mit einer Kühnheit wie kaum einer seiner Kollegen an den Kranken herumsägt und -salbt. Rivalen demütigt der Hochbegabte reihenweise als Scharlatane. Und er vollbringt wahre Wunderdinge an den Mürben und mit Martern Geschlagenen.

Sein Arbeitsplatz ist das Kolosseum, wo Galen als antiker Mannschaftsarzt schwerverwundete Gladiatoren behandelt. Einen übel getroffenen Kämpfer rettet er mit einem Eingriff an der Bauchdecke, einem anderen Recken näht der Medikus den zerhackten Muskel im Oberschenkel wieder zusammen.

Der Mittdreißiger steht auf der Höhe seiner Schaffenskraft, sein Ruhm entspricht seinem Talent - aber nun packt ihn die berechtigte Sorge, in seiner von Pestilenzerregern überfluteten Wahlheimat zu sterben. Galen packt seine Sachen und verschwindet aus Rom. Doch er kommt nicht weit. Sein Freund und Förderer, Kaiser Marc Aurel, will ihn nicht ziehen lassen. Der Imperator beordert den Abtrünnigen zurück in die geplagte Stadt.

Einer wie er wird hier nicht nur in Zeiten nackten Notstands gebraucht. Neben den Pocken nagen etliche weitere Übel am Herzen des Riesenreichs. Regelmäßig überschwemmt zum Beispiel der Tiber die Weltstadt. Bröckelige und völlig überfüllte Mietskasernen brechen in sich zusammen. In der Kapitale antiker Zivilisation breiten sich Cholera und Typhus aus wie in einem heutigen Drittweltland. Was kaum eine feindliche Armee schafft, gelingt den Seuchen um so verheerender.

Das einfache Volk entsorgt seinen Abfall, wo es geht und steht. Streunende Hunde wühlen in Müllbergen herum, auf denen Leichen verwesen. Das Reich kennt modernste Badeanstalten, doch das Trinkwasser ist mit gefährlichen Keimen verunreinigt. Kaum ein Bewohner der Kulturmetropole, den nicht Bandwürmer quälen. Zudem wütet in der schwülen Modergrube die Malaria. Im Durchschnitt erreichen die Römer gerade mal das Teenager-Alter.

Mitten im Elend steht Galen, der Wunderdoktor, und protokolliert fleißig die Symptome seiner geschundenen Mitbürger. Dass Historiker recht detailliert über die katastrophale Gesundheitslage im Rom des zweiten Jahrhunderts nach Christus informiert sind, ist vor allem den zahlreichen Traktaten und Berichten des Schreibwütigen zu danken.

Zwar weiß man nicht, ob er eine Ehefrau, Kinder oder Geschwister hatte. Wohl aber, dass seine Mutter eine streitlustige Zicke war, die in unkontrollierten Zornesausbrüchen gegen die Haussklaven und ihren Ehemann pöbelte. Galen kommt im Jahr 129 in Pergamon, einer griechischen Kulturhochburg nahe der Westküste Kleinasiens, zur Welt. Sein Vater ist Architekt und Mathematiker. Er selbst beginnt mit 16 sein Medizinstudium. Er ist Anfang dreißig, als er im Jahr 161 erstmals nach Rom kommt.

Die Stadt wird sein Schicksal - allerdings nicht in der von ihm befürchteten Weise. Obwohl die Menschen um ihn herum Blut spucken und vor Fieber glühen, bleibt Galen kerngesund. Er stirbt erst hochbetagt mit 70 Jahren. In der Hauptstadt des Reiches produziert er ein schriftliches Oeuvre, das noch im Mittelalter und sogar bis in die frühe Neuzeit verehrt und gelehrt wird. Dabei treibt den Mann mitunter frappierende Ahnungslosigkeit.

Operation am offenen Herzen

So ist er in Anlehnung an seinen griechischen Landsmann Hippokrates überzeugt, dass die vier Körpersäfte ("humores") - Blut, Schleim sowie gelbe und schwarze Galle - über die Gesundheit des Menschen befinden. In seinem Namen lässt er seine Schüler vor Publikum an einem Affen den Nachweis führen, dass die Arterien statt Blut eigentlich Luft enthalten. Seine Kollegen wissen es freilich auch nicht besser.

Die stellt Galen allerdings schon durch sein praktisches Können immer wieder in den Schatten. So rettet er durch einen beherzten Eingriff einem jungen Sklaven das Leben, der in einer Ringerschule durch einen Schlag gegen die Brust verletzt worden war. Wundbrand und Knochenfraß schienen das Schicksal des Knaben zu besiegeln. Ein Teil des Herzbeutels war bereits weggefault. Die herbeigerufenen Heiler mochten keinen Finger mehr für den Sterbenskranken rühren.

Der genialische Grieche hingegen legte unbekümmert den Wundherd frei. Mit Blick auf das pochende Herz des Verletzten schnitt Galen den faulenden Teil des Brustbeins heraus. Sein Patient überlebte und gesundete bald. Der Meister zog sich nach solchen Eingriffen alsbald in die Schreibstube zurück und notierte seine Heldentaten - meist durchsetzt von giftigen Attacken gegen seine quacksalbernden Rivalen.

Suchst du eine sichere, ehrbare Art, eine gute Existenz zu führen, wähle einen Beruf, der dir fürs Leben bleibt ... Ein junger Mann mit leidlichem Verstand sollte einen Geistesberuf ausüben - davon ist die Heilkunst, denke ich, der beste.

Mit denen misst er sich ohnehin gern, häufig unter den Augen einer johlenden Menschenmenge, in heißen Wortgefechten vor dem Friedenstempel oder den Thermen des Trajan. Weil Galen neben seinem Talent vor allem ein an Dreistigkeit grenzendes Selbstbewusstsein besitzt, bleibt er in den Gefechten gewöhnlich Sieger. Die Unterlegenen verhöhnt er mit Vorliebe als Betrüger und Banditen, die kein Blut sehen könnten.

Über einen Kollegen etwa spottet der hämische Doktor: "Ich habe ausprobiert, ob es möglich ist, diesen Esel aus Thessalien von seiner Meinung abzubringen, damit er nicht alle seine Patienten verliert, sondern nur ein paar, und vielleicht manchmal sogar einigen von ihnen hilft." Noch rabiater verfährt Galen, wenn er bei Hausbesuchen auf unfähige Berufsgenossen trifft. "Die gegnerischen Mediziner wurden bleicher und kälter als der Patient selbst und suchten nach Möglichkeiten der Flucht, davon ausgehend, dass ich die Eingangstür zusperren ließ."

Tatsächlich lässt der Berserker immer wieder die Pforte verriegeln, um seine Kollegen in Panik zu versetzen. Der Heißsporn rühmt sich seiner Fähigkeiten als Ringer und wähnt sich darin gar manchem Profi überlegen. Dass der Überflieger seine glanzvollen Auftritte gelegentlich nur mit Hilfe von Hochstapelei inszenieren kann, ahnen seine Opfer kaum.

So sammelt Galen vorbereitend alle greifbaren Informationen über die Gebrechen seiner Patienten - etwa durch ein intensives Verhör der Sklaven. Anschließend schwebt der Superheiler erhaben an das Lager des Maladen und befühlt seinen Puls. Beeindruckendes Wissen sprudelt jetzt aus ihm heraus, von dem die Umstehenden annehmen, dass der Wunderarzt es einzig durch das Befühlen des Herzschlags am Handgelenk diagnostiziert.

Bei der Auswahl der Kranken indessen ist Galen nicht wählerisch. Er behandelt Aristokraten ebenso wie deren Sklaven, nimmt sich eines von Angstzuständen geschüttelten Intellektuellen an, versorgt aber auch einen tolpatschigen Schüler, der sich einen Griffel durch die Hand gebohrt hat. Oft versorgt der wohlhabende Therapeut seine Patienten auf eigene Kosten mit Medizin und Pflegepersonal. Dafür mutet er den Leidenden auch einiges zu. Von denen verlangte er unbedingten Gehorsam und Unterordnung.

Wusste der Enzyklopädiker seines Fachs immer, was er tat? Vermutlich nicht, denn seine anatomischen Kenntnisse waren zeitgemäß mangelhaft. Während seines gesamten Schaffens hat Galen nie einen menschlichen Körper seziert. Und doch sind die von ihm Behandelten mit seinen Methoden vergleichsweise gut gefahren. Zudem war der gestrenge Gelehrte ein Arbeitstier erster Güte, der anscheinend jede wache Minute schuftete.

Dabei träumte der Fitnessfreak offenbar davon, sich endlich einmal nach altem hellenischen Brauch der eigenen Physis widmen zu dürfen. In einer seiner Schriften hat er Zeitgenossen und der Nachwelt gestanden: "Ich bin überzeugt, dass es der richtige Lebensstil ist, von den Lasten der Arbeit befreit die Muße zu haben, sich allein um den Körper zu kümmern."

Der Spiegel, 27.01.2009